Antrittsrede des ersten Bundespräsidenten im Deutschen Bundestag, 12. September 1949 (Auszug)

»(...) Es ist eine Gnade des Schicksals beim Einzelmenschen, dass er vergessen kann. Wie könnten wir leben als einzelne, wenn all das, was an Leid, Enttäuschungen und Trauer uns im Leben begegnet ist, uns immer gegenwärtig sein würde. Und auch für die Völker ist es eine Gnade, vergessen zu können. Aber meine Sorge ist, dass manche Leute in Deutschland mit dieser Gnade Missbrauch treiben und zu rasch vergessen wollen. Wir müssen das im Spürgefühl behalten, was uns dorthin geführt hat, wo wir heute sind. Das soll kein Wort der Rachegefühle, des Hasses sein. Ich hoffe, dass wir dazu kommen werden, nun aus dieser Verwirrung der Seelen im Volk eine Einheit heraus zu schaffen. Aber wir dürfen es uns nicht so leicht machen, nun das vergessen zu haben, was die Hitlerzeit uns gebracht hat.

Die Bundesrepublik Deutschland ist nur ein Teil unseres Volkes umfassend. Ich darf von den Deutschen im Osten sprechen. Ich darf, ich muss von Berlin sprechen. Mehr als die Hälfte meines Lebens – verzeihen Sie das persönliche Wort – habe ich in dieser Stadt gelebt. Ich habe jahrelang als Bezirks- und Stadtverordneter mit in ihr gewaltet. Es ist mir eine Herzenssache und nicht bloß rationale Überlegung, dies auszusprechen: Berlin ist an das Schicksal Westdeutschlands heute gebunden, aber das Schicksal von Gesamtdeutschland bleibt an Berlin gebunden. Dessen müssen wir uns bewusst bleiben. (...)«


Die vollständige Rede ist abgedruckt in:

Reden der deutschen Bundespräsidenten. Heuss, Lübke, Heinemann, Scheel. Eingel. von Dolf Sternberger, München/Wien 1979, S. 5–10.

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